Rehn beim ESRB: KI-Schulden als Stabilitätsrisiko, drei Tests für ein EU-Safe-Asset
Olli Rehn, Gouverneur der Bank of Finland und Erster Stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB), eröffnete am 2. Oktober in Frankfurt die 10. Jahreskonferenz des ESRB, zum 15-jährigen Bestehen des makroprudenziellen Gremiums; die BIZ veröffentlichte die Rede am 7. Oktober. Rehn, der als EU-Kommissar die Gründungsgesetzgebung des ESRB vorbereitet hatte, nutzte den Anlass, um Risiken aufzuzählen, die der Ausschuss im Blick haben soll – und eine umstrittene Idee auf die makroprudenzielle Agenda zu setzen: ein europäisches Safe Asset.
Die Risikoliste. KI und Cyber: Im Juli warnte der ESRB, dass Spitzenmodelle der KI Tempo, Umfang und Raffinesse von Cyberangriffen erhöhen könnten, auch wenn sie die Abwehr stärken. Eine Korrektur bei KI-Bewertungen: Investitionen in Rechenkapazität, Chips und Energieinfrastruktur stützten sich „zunehmend auf Schulden, einschließlich komplexer Finanzierungskonstruktionen“. Eine scharfe Korrektur der KI-bezogenen Bewertungen könne sich über Aktien- und Kreditmärkte ausbreiten; die Aufsicht müsse besser verstehen, wo diese Engagements liegen. Staatsschulden: Hohe und steigende Schulden in den Industrieländern, höhere Finanzierungskosten und wenig fiskalischer Spielraum könnten das Länderrisiko erhöhen; er forderte anhaltende Haushaltskonsolidierung. Energie und Zinsen: Mit Verweis auf die EZB-Projektionen vom September – Wachstum im Euroraum von 0,9 % in diesem Jahr und 1,4 % 2027, Inflation von 3,0 % in diesem Jahr auf 2,1 % 2028 – sagte er, stark gestiegene Energiepreise brächten die Lage näher an das adverse Inflationsszenario der EZB, während höhere langfristige Zinsen das Wachstum bremsten und die Weitergabe an Preise und Löhne dämpften.
Das Investitionsargument. Rehn beschreibt Europas Bedarf als „dreifachen Test“ – Verteidigung, Energie, Produktivität – und argumentiert, Europa habe die Ersparnisse, aber keinen integrierten Markt, um sie zu lenken: Haushalte sparen fast 15 % ihres Einkommens und halten rund 10 Billionen Euro, etwa 70 % ihrer Ersparnisse, als Bankeinlagen. Ein langer Investitionszyklus aus KI, Energiewende und Verteidigung könne den gleichgewichtigen Realzins mit der Zeit anheben – wobei die Geschichte zeige, dass Märkte die kurzfristigen Erträge einer Technologie überschätzen können.

Ein Safe Asset – unter Bedingungen. Ein gut gestaltetes gemeinsames sicheres und liquides Asset könne Märkte vertiefen, einen Referenzpunkt für die Preisbildung und in allen Mitgliedstaaten nutzbare Sicherheiten liefern und in Stressphasen als sicherer Hafen dienen. Jede Gestaltung müsse im Rahmen der Nichtbeistandsklausel jedoch drei Tests bestehen: Anreize zu solider Haushaltspolitik erhalten, Kosten und Nutzen so fair verteilen, dass jeder Mitgliedstaat zustimmen kann, und keine neuen Risiken für nationale Anleihemärkte schaffen. Keiner der bisherigen Vorschläge – gemeinsame Emission, gepoolte nationale Schulden, Strukturen mit sichereren und riskanteren Tranchen – bestehe alle drei; der Weg liege in einer Kombination. Anleihen von Kommission, EIB und ESM rentierten trotz Bestnoten weiter über Bundesanleihen.
Was er nicht behauptet. Rehn betonte, über fiskalische Integration und Risikoteilung zu entscheiden sei nicht Aufgabe des ESRB; dieser analysiere Zielkonflikte für die Finanzstabilität. Die Rede enthält keine ESRB-Empfehlung und keine neue Maßnahme.
Quelle: BIZ, Reinforcing Europe's financial resilience – and growth potential, Rede von Olli Rehn, Frankfurt, 2. Oktober 2026 (veröffentlicht am 7. Oktober) — https://www.bis.org/speeches/20261007-reinforcing-europes-financial-resilience-and-growth-potential