EZB-Blog: Reden zwischen den Sitzungen bewegen die Maerkte so stark wie die Beschluesse
Ein Beitrag im EZB-Blog — gezeichnet, also als Sicht der Verfasser zu lesen und nicht als Position des EZB-Rats — stellt eine These auf, der man leicht zustimmt und die schwerer zu nutzen ist: Reden und Interviews von Geldpolitikern zwischen den Sitzungen des EZB-Rats koennen die Finanzmaerkte ebenso stark bewegen wie die geldpolitischen Beschluesse selbst.
Die formale Ankuendigung nach jeder Sitzung, die etwa alle sechs Wochen stattfindet, bleibt der wichtigste Kanal der EZB fuer die Kommunikation ihrer Ausrichtung. Doch dazwischen hoert die Kommunikation nicht auf, und Reden wie Interviews geben Einblick in laufende Beratungen und die kuenftige Richtung. Der Beitrag leistet vor allem methodisch etwas: Er untersucht die Reaktionen des Euroraum-Marktes sowohl auf die formalen Ankuendigungen als auch auf die Kommunikation dazwischen und misst damit die Wirkung der Geldpolitik auf Inflation und Arbeitslosigkeit im Euroraum.

Was das bedeutet
Der methodische Punkt ist der interessante. Die Wirkung der Geldpolitik auf die Realwirtschaft zu identifizieren ist schwer, weil Beschluesse auf den Ausblick reagieren: Senkt die Zentralbank, wenn sie Schwaeche erwartet, findet eine naive Regression, dass Senkungen Schwaeche verursachen. Marktreaktionen auf Kommunikation helfen, weil eine Rede in der dritten Woche eines Sechswochenzyklus Information ueber die Reaktionsfunktion traegt, ohne von einer frischen Prognose begleitet zu sein — die Ueberraschungskomponente wird dadurch sauberer.
Unbequem ist die Folgerung fuer die Institution, nicht fuer die Oekonometrie. Bewegen Aeusserungen zwischen den Sitzungen die Maerkte so stark wie der Beschluss, dann ist der Kommunikationskalender Teil des Instruments — und zwar der Teil mit dem geringsten Verfahren darum herum: keine Abstimmung, kein Protokoll, keine abgestimmte Sprachregelung. Zentralbanken haben das bisher mit Selbstbeschraenkung geloest, nicht mit Regeln. Eine Arbeit, die zeigt, wie stark die Aeusserungen tatsaechlich wirken, ist in einer Lesart ein Argument dafuer, dass diese Selbstbeschraenkung tragend ist.