Cipollone: Pilot des digitalen Euro ab H2 2027, erste Ausgabe 2029 möglich; Limits bis 3.000 €
Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, hat in einer Rede bei einem MNI-Connect-Webcast in Frankfurt am 6. Oktober 2026 dargelegt, wo der digitale Euro und die Tokenisierungsprojekte des Eurosystems stehen; die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat den Text am 13. Oktober in ihre Sammlung von Notenbankerreden aufgenommen. Seine Leitlinie: Es gehe nicht mehr darum, ob Zahlungen digital werden, sondern darum, wie die Einheit des Geldes, Vertrauen und Stabilität dabei gewahrt bleiben – indem Zentralbankgeld in die digitale Welt verlängert und das zweistufige System aus öffentlichem und privatem Geld erhalten wird.
Der Zeitplan. Der Rat der EU hat sich im Dezember 2025 positioniert, das Europäische Parlament im Juli 2026; die Trilogverhandlungen laufen, und der Europäische Rat fordert ihren Abschluss bis Jahresende. Der EZB-Rat entscheidet über eine Ausgabe erst nach Verabschiedung der Gesetzgebung. Gelingt das bis Ende 2026, will die EZB für eine mögliche erste Ausgabe 2029 bereit sein. Ein Pilotprojekt ist für die zweite Jahreshälfte 2027 geplant und soll zwölf Monate laufen; ausgewählt wurden 36 Zahlungsdienstleister aus mehr als 50 Bewerbungen, ein Aufruf an Händler im Online- und Mobilhandel läuft seit dem 15. September.
Warum eine öffentliche Option. Laut Cipollone laufen zwei Drittel der Kartenzahlungen im Euroraum über internationale Systeme, und 13 der 21 Euroländer haben kein eigenes Kartensystem. Die EZB selbst würde keine Kundendienste anbieten; verteilt würde der digitale Euro von Banken und regulierten Anbietern, das Eurosystem trüge die Kosten der Kerninfrastruktur und verlangte keine Schema- oder Verarbeitungsgebühren, die Anbieter würden vergütet – die Einzelheiten sind Teil des Gesetzgebungsverfahrens.

Haltelimits und Banken. Guthaben wären unverzinst und begrenzt. Auf Wunsch des Europäischen Parlaments hat die EZB hypothetische Limits von 500 bis 3.000 Euro an den Bilanzen von 2.025 Banken durchgerechnet. Im Basisszenario brächte schon die Digitalisierung bis 2034 geschätzte 127 Milliarden Euro an Einlagenzuflüssen, mehr als die erwarteten Abflüsse in digitale Euro bei Limits bis 3.000 Euro; insgesamt gäbe es also keinen Abfluss. Ohne diese Zuflüsse sänke die aggregierte Liquiditätsdeckungsquote bei einem Limit von 3.000 Euro von 166 % auf 163 %, die strukturelle Liquiditätsquote von 128 % auf 127 %. In einem extremen Szenario der Flucht in Sicherheit, ohne angenommene geldpolitische Reaktion, fiele die LCR bei 13 Banken mit 0,3 % der Bilanzsumme des Sektors auf 100 %. Die Zahlen seien illustrativ und keine Entscheidung über das Limit, betonte Cipollone.
Großkundengeschäft: Pontes und Appia. Pontes soll die Abwicklung tokenisierter Großkundengeschäfte in Zentralbankgeld ermöglichen, indem es DLT-Plattformen des Marktes mit Diensten des Eurosystems verbindet; die volle Umsetzung wird bis Mitte 2028 erwartet, mit 24/7-Betrieb, mehr Programmierbarkeit und Mehrwährungsfähigkeit. Appia behandelt Architektur, Standards und Governance eines integrierten europäischen tokenisierten Ökosystems, ein Entwurf soll 2028 vorliegen; zur Konsultation gingen 127 Antworten ein, die Kontaktgruppe des Marktes hat 61 Mitglieder. Ziel sei, dass ein von einer regulierten Bank ausgegebener Euro auch in tokenisierter Form zum Nennwert gegen einen Euro einer anderen Bank tauschbar bleibt.
Quelle: BIZ, Reden von Notenbankern (Rede vom 6. Oktober 2026) — https://www.bis.org/speeches/20261013-money-digital-age-digital-euro-tokenisation-and-role-central-banks