Vujčić will einfachere EU-Bankregeln, aber kein geringeres Kapital
EZB-Vizepräsident Boris Vujčić hat am 2. Oktober in einer Grundsatzrede auf der Jahreskonferenz des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB) einer zentralen These der Debatte über Europas Banken widersprochen: dass niedrigere Kapitalanforderungen sie wettbewerbsfähiger machten. Einfachere Regeln befürwortete er, schwächere nicht.
Für die Vereinfachung. Die Einhaltung der EU-Bankregeln sei kompliziert und aufwendig geworden, sagte Vujčić, und es gebe klare Gründe für Vereinfachung; dieselbe Widerstandskraft lasse sich oft mit einfacheren Regeln erreichen. Er erinnerte an die Empfehlungen des EZB-Rats vom Ende des vergangenen Jahres:
- die Kapitalpuffer zu zwei zusammenfassen – einem nicht freigebbaren aus Kapitalerhaltungspuffer und den Puffern für systemrelevante Institute sowie einem freigebbaren aus antizyklischem Puffer und Systemrisikopuffer;
- den Rahmen für die Verschuldungsquote auf ein Minimum von 3 % plus einen einzigen Puffer reduzieren;
- die europäischen MREL-Anforderungen für die Abwicklung näher an den internationalen TLAC-Standard bringen, ohne die in der Abwicklung verfügbaren Mittel zu verringern;
- ein einfacheres, vorsichtiger kalibriertes Regime für kleinere Banken schaffen.
Auch die EZB-Bankenaufsicht streiche rund 40 von mehr als 100 Leitfäden.
Gegen weniger Kapital. Die Belege, die Vujčić anführte, sprechen gegen das Argument der Branche. Die mittlere Kernkapitalquote der Banken im Euroraum hat sich mehr als verdoppelt, von rund 8 % 2009 auf über 16 %. Die Eigenkapitalrendite ist seit der Pandemie auf historische Höchststände gestiegen, und das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis, lange unter 1, liegt nun bei etwa 1,5. Einbehaltene Gewinne waren die Hauptquelle neuen Kapitals, und der Kapitalpuffer über den Anforderungen ist insgesamt weiter gewachsen. Studien aus den Jahren direkt nach der Finanzkrise hätten gezeigt, dass höhere Anforderungen die Kreditvergabe bremsen, neuere Arbeiten unter besseren Bedingungen fänden bei gut kapitalisierten Banken einen deutlich kleineren Effekt. Sein Schluss: Regulatorisches Kapital sei derzeit keine bindende Grenze für die Kreditvergabe, und Banken im Kreditvergabe-Survey der EZB führten strengere Standards vor allem auf Risikoeinschätzungen zurück. Die mittleren fiskalischen Kosten einer Bankenkrise in Industrieländern schätzt man auf rund 7 % des BIP, erinnerte er – Produktionsverluste noch nicht eingerechnet.
Wettbewerbsfähiger würden Banken nach seiner Ansicht durch Finanzintegration in einem echten Binnenmarkt, der Größenvorteile erlaubt.

Was das bedeutet
Die Rede zieht eine Linie, die die EZB in der kommenden EU-Gesetzgebung wahrscheinlich halten wird: Weniger und einfachere Puffer sind verhandelbar, ein insgesamt niedrigeres Kapitalniveau nicht. Anleger in Bankaktien des Euroraums sollten die Vereinfachungsagenda als Änderung der Form lesen, nicht als Freigabe von Kapital.