Nagel: Nicht Kapital macht Europas Banken weniger wettbewerbsfähig, sondern Fragmentierung
Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank und Mitglied des EZB-Rats, sprach am 1. Oktober bei einem OMFIF-Rundtisch in London über die Zukunft des europäischen Bankwesens; die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich veröffentlichte die Rede am 8. Oktober. Sie fasst die Position der Bundesbank in der EU-Debatte über einfachere Bankenregulierung zusammen, zu der die Europäische Kommission im ersten Quartal 2027 Gesetzesvorschläge vorlegen will.
Wo Europas Banken stehen. Nach Nagels Einschätzung sind die Banken im Euroraum widerstandsfähig – weder die Pandemie noch die Bankenturbulenzen 2023 haben sie aus dem Sattel geworfen –, und Analysen von Basler Ausschuss, EZB und Bundesbank zeigen, dass die Reformen nach der Krise den Sektor stabilisiert und die Kreditvergabe über den Zyklus gestärkt haben. Er räumt ein, dass US-Banken und teils britische Banken bei Nettozinsmargen und Kurs-Buchwert-Verhältnis besser abschneiden als kontinentaleuropäische, verweist aber auf sinkende Quoten notleidender Kredite und sinkende Aufwand-Ertrags-Relationen in Europa.
Zwei Befunde, mit denen er argumentiert. Erstens: Wettbewerb ist seltener als angenommen. Bundesbank-Aufseher haben grenzüberschreitende Verflechtungen untersucht und festgestellt, dass deutsche und US-Banken in lokalen Kreditmärkten selten konkurrieren. Wettbewerb mit großen US-Instituten gibt es im Investmentbanking und Handel, die einen viel kleineren Teil der Kapitalanforderungen ausmachen als das klassische Kreditgeschäft. Bei Unternehmenskrediten in Deutschland konkurrieren deutsche und europäische Banken untereinander. Zweitens: Kapital ist nicht die Bremse. Forschende von EZB und Bundesbank fanden keine Belege, dass höheres Kapital die Effizienz mindert; es senkt Zinsaufwand und Ertragsschwankungen, damit die Refinanzierungsaufschläge, und erhöht die Profitabilität.

Was er stattdessen verantwortlich macht – und vorschlägt. Den Rückstand erklärt er strukturell: US-Banken profitieren von tiefen, integrierten Kapitalmärkten, während Europas Bank- und Kapitalmärkte zersplittert sind und Regeln von Land zu Land abweichen. Drei Punkte: das Finanzsystem integrieren über die Spar- und Investitionsunion, mit stärkerer Beteiligung der Bürger an Kapitalmärkten und einheitlicherer Aufsicht über Marktinfrastrukturen; Regulierung vereinfachen mit Proportionalität – der erwartete Schwerpunkt der Kommission auf Marktintegration, etwa Kapital- und Liquiditäts-Waiver, begünstige eher große grenzüberschreitende Banken, und das müsse durch deutlich einfachere Anforderungen für kleine, weniger komplexe Banken ausgeglichen werden, bei gleich hohen Aufsichtsstandards; und Nichtbanken im Blick behalten: Sie halten inzwischen etwa die Hälfte aller Finanzvermögen, in Europa wie weltweit. 14 % der Bilanzsumme deutscher Banken sind Forderungen gegenüber in- und ausländischen Nichtbanken; wo daraus intransparente Private-Credit-Finanzierung wird, brauchen Banken ein stärkeres Risikomanagement und strengere Kreditprüfung.
Warum das Euro-Ressort das notiert. Der EZB-Rat setzt die Zinsen im Euroraum; seine Mitglieder prägen auch, wie Banken diese Zinsen an Kreditnehmer weitergeben. Nagels Botschaft – Kapital hoch halten, Komplexität für kleine Kreditgeber senken, Engagements im Private Credit genau prüfen – ist die Linie der Bundesbank für die Gesetzgebungsrunde 2027.
Quelle: BIS, The competitiveness of the European banking sector, Eröffnungsrede von Joachim Nagel, London, 1. Oktober 2026 (veröffentlicht am 8. Oktober) — https://www.bis.org/speeches/20261008-competitiveness-european-banking-sector