Lagarde: Energie ist die Hauptgefahr, Frankreichs Schulden sind ernst, ein früherer Abschied möglich
Christine Lagarde hat der französischen Tageszeitung La Croix ein Interview gegeben, geführt am 16. und 28. September und von der Europäischen Zentralbank am 30. September auf Englisch veröffentlicht. Es ist das Interview einer einzelnen Amtsträgerin, kein Beschluss des EZB-Rats, und behandelt die Wirtschaft, Frankreich und ihre eigene Amtszeit.
Die Gefahr, die sie nennt. Für die EZB bleibe Preisstabilität die Priorität, sagte sie, und die größte Gefahr sei derzeit die Energiekrise im Zusammenhang mit dem Konflikt im Nahen Osten, die auf Preise und Wachstum drücke. Krisen folgten nicht mehr aufeinander, sondern seien verflochten und verstärkten sich gegenseitig. Europas Wirtschaftsmodell habe auf drei Säulen geruht – billiger Energie vor allem aus Russland, dem chinesischen Exportmarkt und dem Sicherheitsschirm der USA –, und alle drei geraten ins Wanken.
Zu den Zinserhöhungen. Auf die Anhebungen der EZB im Juni und September angesprochen, sagte sie, eine Zentralbank könne die Straße von Hormus nicht wieder öffnen und keine neuen Öl- und Gasreserven schaffen. Ihre Aufgabe sei zu verhindern, dass ein Angebotsschock sich dauerhaft durch die Wirtschaft zieht und die Inflation treibt. Das könne zu Zinserhöhungen führen, auf die Gefahr hin, das Wachstum zu belasten; deshalb beobachte die EZB die Konjunktur sehr genau, bevor sie handelt. Zudem räumte sie ein, die EZB habe 2021 falsch gelegen, als sie den Energieschock für vorübergehend hielt.
Zu Frankreich. Zu einzelnen Ländern wollte sie sich nicht äußern, nannte aber die Wachstumserwartungen der EZB für dieses Jahr: 0,9 Prozent für den Euroraum und 0,5 Prozent für Frankreich. Eine Verschuldung nahe 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, die nicht auf einem Pfad zur Stabilisierung sei, sei eine ernste Sache – umso mehr, als Staaten mit großem privatem Finanzierungsbedarf konkurrierten, auch für künstliche Intelligenz. Es sei aber nicht 2008 oder 2011, weil das europäische Finanzsystem viel stärker sei. Einen Teilerlass der Schulden nannte sie technisch unsicher, finanziell sehr gefährlich und einen Verstoß gegen die EU-Verträge.
Zu ihrer Amtszeit. Ihr Mandat endet im Oktober 2027. Sie schließe nicht aus, einige Monate früher zu gehen, habe aber nichts angekündigt, werde 2027 noch im Amt sein, und ein früherer Abschied wäre nur eine Frage von Monaten. Eine Kandidatur bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 schloss sie aus.

Was das bedeutet
Das Interview liefert kein neues geldpolitisches Signal; die Begründung zu den Zinsen ist die, die die EZB bei den Erhöhungen gab. Neu sind zwei Zahlen, die Wachstumserwartungen von 0,9 und 0,5 Prozent, und die Bemerkung zum Zeitpunkt. La Croix brachte einen möglichen früheren Abschied mit der französischen Wahl im Frühjahr 2027 in Verbindung; sie antwortete nur, es sei Sache der dann amtierenden französischen Regierung, ihre Präferenz mit den anderen Staats- und Regierungschefs zu vertreten.