EZB-Papier baut ein Mass fuer Inflationsrisiko aus Zeitungssaetzen
Die EZB hat am 21. September 2026 das Working Paper Nr. 3288 mit dem Titel Inflation narratives and risk premia von Luís Fonseca, Giulia Martorana, Fabian Schupp und Giovanni Trebbi in ihrer Arbeitspapierreihe veroeffentlicht.
Die Autoren naehern sich einer Groesse, die man sonst aus Anleihekursen abliest, ueber Text. Mit einem Verfahren, das im Papier Causality Extraction heisst, ordnen sie Presseberichte ueber Inflation danach, welche Ursache dort genannt wird, und bilden daraus eine Kennziffer — NetDemand — als Differenz zwischen der Zahl nachfrageseitiger und der Zahl angebotsseitiger Erklaerungen. Die Reihe fuer den Euroraum stammt aus der Financial Times, die fuer die USA aus dem Wall Street Journal. Diese Kennziffer stellen sie den Inflationsrisikopraemien ueber das Laufzeitenspektrum in beiden Waehrungsraeumen gegenueber und berichten einen gegenlaeufigen Zusammenhang, der auch bestehen bleibt, wenn man den zusammengesetzten PMI und den VIX herausrechnet.

Was das bedeutet
Die gepruefte These ist in der Kapitalmarkttheorie alt und schnell erzaehlt. Kommt die Inflation voraussichtlich vom Angebot, faellt sie mit schwachem Wachstum zusammen; ein Papier, dessen realer Ertrag mit steigender Inflation sinkt, ist dann eine schlechte Versicherung, und Anleger wollen fuer das Halten bezahlt werden — die Praemie ist positiv. Kommt sie von der Nachfrage, faellt sie mit starkem Wachstum zusammen, dasselbe Papier sichert gegen eine Rezession ab, und die Praemie kann negativ werden. Das Vorzeichen der Praemie verschluesselt also eine Erwartung darueber, welcher Schock ueberwiegt.
Neu an dem Papier ist die unabhaengige Messung dieser Erwartung. Bisher wurde sie aus der Praemie selbst erschlossen, was die Pruefung der Theorie in einen Zirkel fuehrt. Auszuzaehlen, was Zeitungen schreiben, durchbricht den Zirkel, weil der Text von einem Vorgang erzeugt wird, der mit dem Anleihemarkt nichts zu tun hat. Dass der Zusammenhang auch nach Kontrolle von PMI und VIX bestehen bleibt, ist der tragende Teil: Der Text ist demnach kein blosser Stellvertreter fuer Konjunktur oder Schwankungsbreite.
Der naheliegende Einwand lautet, dass eine Zeitung nicht der Grenzanleger ist, und das Papier behauptet auch nichts anderes. Behauptet wird ein gemessener Zusammenhang, in zwei Regionen, ueber Laufzeiten hinweg, und staerker dort, wo in den USA die Risikoaversion und im Euroraum die Inflationsschwankung hoeher sind. Ein Arbeitspapier gibt die Auffassung seiner Autoren wieder und nicht die der EZB — das steht auf jedem Deckblatt der Reihe. Und dieses hier ist eine Messung, kein politischer Vorschlag.