New York Fed: Nicht der KI-Boom, sondern das Staatsdefizit hat die US-Leistungsbilanz belastet
Ein Beitrag im Blog Liberty Street Economics der New York Fed, am 14. Oktober 2026 von Forschungsberater Julian di Giovanni veröffentlicht, geht der Frage nach, warum der KI-Investitionsboom das US-Leistungsbilanzdefizit weitgehend unverändert gelassen hat, obwohl die Importe von Halbleitern, Servern und Rechentechnik stark gestiegen sind. Eine im Beitrag zitierte Arbeit kam zu dem Ergebnis, dass KI-bezogene Güter 2025 auf 23 % der US-Importe kamen.
Der Rahmen. Ausgangspunkt ist die Identität, dass die Leistungsbilanz der Bruttoersparnis eines Landes abzüglich seiner Bruttoinvestitionen entspricht. Ein Land könne viel Kapitalausrüstung importieren, ohne ein größeres Außendefizit zu haben, solange es genug spart, um die Investitionen zu bezahlen. Damit der KI-Boom das Defizit vergrößert, müsste er also die Investitionen erhöhen, ohne dass die Ersparnis mitzieht.
Die Investitionen haben sich nicht bewegt. Die Bruttoinvestitionen lagen in den fünf Jahren vor der Pandemie im Schnitt bei 21,3 % des BIP, von 2023 bis zum ersten Quartal 2026 – der Phase des beschleunigten KI-Kapitaleinsatzes – bei 21,5 % und in den vergangenen vier Quartalen bei 21,1 %. Der Beitrag der KI zu den gewerblichen Investitionen sei zwar gestiegen, falle aber mit Schwäche anderswo zusammen: Der Boom beim Fabrikbau nach den Industriegesetzen von 2022 ist abgeklungen, Investitionen in Bauten und Ausrüstung außerhalb des Technologiesektors sind schwach.

Die private Ersparnis hat sich kaum verändert. Anders als in der Dotcom-Zeit, als die private Ersparnis zwischen 1995 und 2000 um fast 3 Prozentpunkte des BIP fiel, weil Haushalte Aktiengewinne ausgaben, lag sie seit 2023 im Schnitt bei 20,8 % des BIP, gegenüber 21,3 % vor der Pandemie. Die Ersparnis der Unternehmen betrug in den vergangenen vier Quartalen 10,9 % des BIP, im Einklang mit rund 10,5 % vor der Pandemie und über dem Dotcom-Tief von etwa 8,8 %. Den Unterschied führt der Beitrag auf die Finanzkraft zurück: Den Dotcom-Ausbau trugen junge Firmen mit dünnem oder negativem Cashflow, den KI-Ausbau Unternehmen mit hohen Mittelzuflüssen.
Der Staat hat die Arbeit gemacht. Die staatliche Ersparnis ging von etwa –2,2 % des BIP in den Jahren 2015–19 auf etwa –4,0 % seit 2023 zurück. Gemessen am Ende 2019 zerlegt der Beitrag eine Ausweitung der Spar-Investitions-Lücke um rund 2,4 Prozentpunkte: Etwa 1,75 Punkte gehen auf staatliches Entsparen zurück, rund ein halber Punkt auf geringere private Ersparnis und praktisch nichts auf höhere Investitionen. Im selben Zeitraum wuchs das Leistungsbilanzdefizit von durchschnittlich rund 2,2 % des BIP in den Jahren 2015–19 auf etwa 3,7 % seit 2023. Das Fazit des Autors: Haupttreiber war die Fiskalpolitik, die private Ersparnis spielte eine kleinere Rolle, ein Investitionskanal ist nicht erkennbar.
Der Vorbehalt. Der Beitrag warnt, dass die angekündigten Investitionspläne der großen Technologiekonzerne für 2026 und 2027 deutlich über dem bisher Gebauten liegen und die Schwäche bei Wohnungsbau und Nicht-Technologie-Investitionen nicht ewig anhält. Lassen diese Bremsen nach, während die KI-Investitionen anziehen, würden höhere Investitionen und geringere Unternehmensersparnis das Defizit gemeinsam vergrößern. Die Ansichten sind die des Autors und nicht unbedingt die der New York Fed oder des Federal Reserve System.
Quelle: Federal Reserve Bank of New York, Liberty Street Economics — https://libertystreeteconomics.newyorkfed.org/2026/10/has-the-ai-boom-impacted-the-u-s-current-account/