Zwei Arten von Preisanstieg, und nur eine steckt in der Prognose
Zwei Meldungen liefen heute ueber den Tisch, die beide europaeische Preise heben und doch nicht dasselbe sind — und im Unterschied steckt die ganze Analyse.
Das Erste ist ein Schock. Philip Lane sagte Le Temps, eine zweite Welle von Energiepreissteigerungen laufe, bei Oel wie bei Gas; deshalb habe die EZB am 10. September signalisiert, der Schock dauere laenger als im Maerz unterstellt. Die Inflation bleibe laenger hoeher und kehre ab Mitte 2027 Richtung Ziel zurueck. Zwischen Februar und heute berichtet er keine Weitergabe auf andere Gueter und Dienstleistungen, erwartet aber Aufwaertsdruck bei Nahrungsmitteln, bei Energie einschliesslich Strom und bei Guetern, bei begrenztem Druck auf Dienstleistungen.
Das Zweite ist eine Entscheidung. Der am selben Tag berichtete Bruegel-Bericht beziffert EU-Local-Content-Vorgaben mit einem Anstieg der Zellkosten von 50 auf 85 Euro je Kilowattstunde — rund 2.100 Euro an einem typischen E-Auto — plus 200 Euro fuer eine Gruenstahlvorgabe, dem 61 Euro je Fahrzeug an Verwaltungsersparnis gegenueberstehen.
Eine Notenbankprojektion fasst das Erste gut und das Zweite schlecht, aus strukturellen Gruenden und nicht aus Nachlaessigkeit.
Hinter einem Schock steht eine Kurve. Lane sagt, die Basislinie spiegele die in Oel- und Gaspreisen enthaltene Markterwartung, und die Terminkurve deute auf eine gewisse Entspannung noch in diesem Jahr. Genau das macht den Satz "laenger hoeher, dann zurueck zum Ziel" fuer einen Prognostiker schreibbar: Der preistreibende Mechanismus soll sich umkehren, und die Projektion erbt die Umkehr vom Markt.

Ein administrierter Kostenblock hat keine Kurve. Kosten EU-Zellen 85 statt 50 Euro, weil eine Regel es verlangt, bringt kein Terminmarkt sie auf 50 zurueck. Es geht als Stufe ins Preisniveau ein und bleibt. In der Inflationsrate erscheint es einmal und verschwindet dann aus dem Vorjahresvergleich — weshalb es leicht als unerheblich gilt und weshalb es das nicht ist. Die Rate normalisiert sich, das Niveau nicht.
Drei praktische Folgen.
Die Logik des Hindurchschauens laesst sich nicht uebertragen. Eine Notenbank kann durch eine Energiespitze hindurchschauen, deren Umkehr sie erwartet. Durch eine dauerhafte Niveauverschiebung hindurchzuschauen heisst, sie hinzunehmen — womoeglich richtig, aber eine andere Entscheidung, die als solche zu treffen ist.
Die Verteilungswirkung ist gegenlaeufig. Energieschocks treffen alle und klingen ab. Bruegels Punkt ist, dass die Local-Content-Kosten guenstigere Modelle und weniger wohlhabende Kaeufer am staerksten treffen — eine regressive, dauerhafte Veraenderung unter einer voruebergehenden, breiten.
Zu beobachten ist das Zusammenspiel. Lanes beruhigende Beobachtung lautet, die Weitergabe auf Gueter sei bislang ausgeblieben. Administrierte Gueterkosten, die eintreffen, waehrend ein Energieschock noch laeuft, sind genau die Kombination, die aus einer Geschichte relativer Preise etwas macht, das ein Haushalt als allgemeine Inflation erlebt — unabhaengig davon, wie der Deflator es am Ende zuordnet.
⚠️ Das eine ist das veroeffentlichte Interview eines Notenbankers, das andere die aus zweiter Hand berichtete Modellrechnung eines Thinktanks. Keines ist eine Prognose von uns, und nichts hiervon ist Anlageberatung.