Hinter der Schlagzeile: Die EZB prüft die Grundinflation, die BoJ die Auslastung
Zwei Veröffentlichungen von Notenbanken vom 5. Oktober behandeln dasselbe Problem von entgegengesetzten Enden: Wie erkennt man, ob Inflationsdruck anhält, wenn die naheliegende Zahl in die Irre führen kann?
Europa: ein Energieschock, der sich noch nicht ausgebreitet hat. In seiner Rede auf der EZB-Konferenz zur Geldpolitik verwies Philip Lane auf die Gesamtinflation von 3,8 % im September – fast vollständig Energie (18,8 %), während die Inflation ohne Energie mit 2,3 % sogar leicht unter dem Wert vor dem Schock lag. Sein entscheidender Test sind die Indikatoren der zugrunde liegenden Inflation, die bisher keine Aufwärtsverschiebung der mittelfristigen Inflation und keine Rückkehr der schnellen Preissetzung von 2022 zeigen. Er betonte, dass kein einzelner Indikator genügt und die Einschätzung auch Fiskalimpulse, KI-Investitionen und höhere Langfristzinsen berücksichtigen muss.

Japan: Nachfrage über der Kapazität. Die vierteljährlichen Schätzungen der Bank of Japan setzen die Produktionslücke im zweiten Quartal auf +0,55 %, nach +0,36 %, bei einem Potenzialwachstum von 0,81 %. Die Arbeitsmarktindikatoren weisen in dieselbe Richtung: Arbeitslosenquote von 2,39 % im Juli und ein Tankan-Beschäftigungsindex von -38, also deutlich mehr Mangel als Überhang. Hier ist die Sorge umgekehrt zu Europa: kein Kostenschock, der abklingen könnte, sondern heimische Nachfrage, die gegen ein begrenztes Angebot drückt.
Die gemeinsame Vorsicht. Beide Institutionen versehen ihre eigenen Messgrößen mit Warnhinweisen. Lane sagte, mittelfristige Prognosen hätten in Zeiten hoher Unsicherheit breite Fehlerbänder, weshalb die tatsächlich beobachtete zugrunde liegende Inflation mit der Zeit wichtiger werde. Die BoJ erklärte, Produktionslücke und Potenzialwachstum seien "mit einem gewissen Spielraum" zu betrachten, weil sie von der Methode abhängen und Schätzfehler enthalten, und veröffentlicht inzwischen Arbeitsmarktindikatoren als Gegenprobe.
Was das für Beobachter der Geldpolitik heißt. Keine der beiden Notenbanken verlässt sich auf eine einzige Zahl. Im Euroraum zählen als Nächstes die zugrunde liegenden Messgrößen, die zeigen werden, ob die zweite Welle der Energiepreise Dienstleistungen und Waren erreicht. In Japan ist der nächste Test, ob Lücke und Arbeitsmarktindikatoren sich weiter anspannen. In beiden Fällen ist die Schlagzeilenzahl eines einzelnen Monats die am wenigsten aussagekräftige Zahl auf dem Tisch.