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Energie statt Kernpreise lenkt jetzt die Zinserwartungen im Euroraum und in Großbritannien

Zwei Dokumente dieser Woche zeigen, wie sehr Energie ins Zentrum der europäischen Geldpolitik gerückt ist. Am 7. November veröffentlichte die EZB Christine Lagardes Interview mit Yomiuri Shimbun, am 6. November die Bank of England ihre jüngste Umfrage unter Marktteilnehmern vom 21. bis 23. Oktober.

Im Euroraum erreichte die Gesamtinflation im Oktober 4 Prozent. Lagarde führte das vor allem auf eine Energieinflation von 20,8 Prozent zurück, nach 18,9 Prozent im September, während die Kerninflation bei 2,5 und die Dienstleistungsinflation bei 3,3 Prozent lag. Ihre Linie: Die zugrunde liegende Inflation sei stabil, Zweitrundeneffekte über die Projektionen hinaus gebe es nicht, aber je länger die Gesamtrate hoch bleibe, desto größer das Risiko für das Ziel.

In Großbritannien gewichteten die 80 Befragten Energie- und verwandte Rohstoffpreise bei ihrer kurzfristigen Einschätzung des Leitzinses im Schnitt mit 30,3 Prozent, deutlich vor der realisierten Inflation ohne Energie mit 18,5 Prozent oder der Kommunikation des MPC mit 15,3 Prozent. Im Median erwarteten sie eine Inflation nahe 4 Prozent bis Anfang 2027 und ab Februar einen Leitzins von 4,25 Prozent.

Beide Notenbanken beobachten also dasselbe aus unterschiedlicher Lage. Die EZB versucht, durch einen Energieschock hindurchzusehen, ohne 2021 zu wiederholen, als Zentralbanken nach Lagardes Worten einen Angebotsschock für vorübergehend hielten, während zugleich die Nachfrage zurückkam. Die britischen Märkte bepreisen die Geldpolitik dagegen vor allem danach, wohin sich Energie entwickelt, weniger nach dem heimischen Preisdruck.

Beide verweisen zudem auf denselben Test: ob Energiekosten auf Löhne und Dienstleistungen übergreifen. Lagarde nannte mehrjährige Tarifabschlüsse und die Lohnerwartungen der Unternehmen als Indikatoren, und die Befragten der BoE sahen die Risiken für den neutralen Zins im Verhältnis 42 zu 4 nach oben gerichtet.

Energie statt Kernpreise lenkt jetzt die Zinserwartungen im Euroraum und in Großbritannien
Energie statt Kernpreise lenkt jetzt die Zinserwartungen im Euroraum und in Großbritannien — Rate Brief

Was das bedeutet

Solange die Kerninflation stabil bleibt, spricht ein Energieschock für Geduld; erreicht er die Löhne, spricht er für höhere Zinsen. Entscheidend sind dafür die Lohnabschlüsse, nicht die Gesamtinflationsrate.

Geschrieben von Victoria Shinder.